Das Über-Ich ist keine eigene Struktur. Es ist ein Gefühl, das von außen kommt, genauer gesagt: von einem anderen Ich, und das auf das eigene Ich einwirkt.

Jedes Ich erlebt in Gesellschaft mit anderen Ichs, ist also empfänglich –mehr/minder – für eigene wie auch für andere Gefühlseinwirkungen und muss sowohl mit den einen wie auch mit den anderen fertig werden. Das Ich muss gegenüber beiden seine Hoheit waren. Dies ist für das Ich besonders schwer gegenüber nahestehenden oder sehr wichtigen Ichs.

Das Ich wird zwar geboren mit einem eigenen Gefühlsleben. Aber dieses eigene Gefühlsleben steht schon im Mutterleib unter der Einwirkung von anderen Gefühlen. Primär unter denen der Mutter, aber da auch die nicht frei sind von weiteren Gefühlseinflüssen, auch schon im Mutterleib unter denen wichtiger weiterer Gefühlswelten.

So hat es ein Ich schon bei seiner Geburt in sich mit einem Gemisch von eigenen und fremden Gefühlen zu tun, über die es im Laufe seiner Entwicklung, die den Erwerb einer eigenen Lebenstüchtigkeit zum Ziele hat, zum Herren und Führer werden muss.

Die Unterscheidung von eigenen und fremden Gefühlen in seinem eigenen Gefühlsleben ist für das heranreifende Ich keine einfache Aufgabe. Manchmal sogar ein schwer zu lösendes Problem.

Das erwachsene Ich hat es immer mit Gefühlen sowohl von innen als auch von außen zu tun. Und es muss über beide immer seine Hausherren rolle wahren. Was nicht immer leicht ist.

Unter Über-Ich verstehe ich Einwirkungen auf die Ich- Hoheit durch Gefühle, die von außen kommen. Diese sind besonders dann wirksam, wenn sie von Ichs kommen, die dem eigenen Ich sehr nahe stehen. Solche Gefühle können beim eigenen Ich zu Gefühlshoheiten führen. Im Einzelfall und vorübergehend kann das für das eigene Ich hilfreich und /oder förderlich sein. Zum Beispiel als Ermutigung. Auf die Dauer für das, ob nun, wie bei diesem Beispiel positiv, oder, wie zum Beispiel bei einer Entmutigung negativ, zum Verlust der eigenen Ich- Hoheit und zur Abhängigkeit von äußeren Gefühlsimpulsen. Also auch zur Schwächung eigener Initiativen (eigener Ich- Aktivitäten).

Zu einer Eigenständigkeit kann ein Ich eigentlich nur gelangen (zu seiner eigenen Ich-Hoheit), wenn es sich der Bearbeitung der Probleme, die ihm in seinem eigenen Leben begegnen, stellt. In der Erarbeitung dieser Probleme wächst das Ich in seine persönliche Hausherrenrolle hinein. In sein eigenes Können und in seine eigene Lebensführung. Und in die Fähigkeit, allen Gefühlen von innen und von außen als Führer zu begegnen.

Jedes ich ist einem Meer von Gefühlen von innen und von außen, die alle aufeinander einwirken, unablässig ausgesetzt. Wie kann es der Herr über diese Fluten sein und bleiben? Durch viel Schlaf und durch eine strenge Haushaltsführung. Jedes Ich lebt in den Grenzen seiner Struktur. Ein Ich, das einen Angriff auf seine Struktur zulässt, gibt sich auf.

Schon manches ich ist nicht in eigenen, sondern in fremden Gefühlen untergegangen, – oder auferstanden.

Wie unterscheide ich die ureigenen Gefühle von den hinzugekommenen?

Geht es nicht darum, die ureigenen Gefühle zu erkennen und mit ihnen im Rücken als Ich eine auffrischende Einstellung zu den Gefühlen aller Welt zu finden?

Im Augenblick der Befruchtung entsteht doch etwas ganz Neues: ein neues Ich mit seinem Gefühlsleben. Aber das Ganze entsteht ja im Hause der Mutter. Und deren Einfluss setzt doch sofort ein. Wie also komme ich zu der Erkenntnis meines Ursprungs?

Und wann setzt der Einfluss des Vaters ein?

Wann?

Und in welcher Art und Weise?

Jedes aus einer geschlechtlichen Vermehrung hervorgegangene Ich braucht für seine Entwicklung ein Bild von beiden: das von der Mutter und das vom Vater.

Das traue ich mich einfach mal zu behaupten. Bis zum Beweis des Gegenteils.

Der Grundgedanke der Natur bei der Einführung der geschlechtlichen Weitergabe des Lebens war es, etwas Neues hervorzubringen.

Das nehme ich jetzt auch mal an. Bis zum Beweis des Gegenteils.

Wie aber schützt dann die Natur das Neue vor der Fülle des bereits Vorhandenen derselben Art? Da geht doch das Neue in der Fülle des bereits Vorhandenen gleich wieder unter. Noch bevor es überhaupt richtig hervortreten kann!?

Christi Wort: „Viele sind berufen, aber nur wenige auserwählt“.

Was haben die Wenigen bei so Vielen bewirkt?

Was hat Buddha bewirkt?

Was hat Christus bewirkt?

Was hat Hildegard von Bingen bewirkt?

Was hat Meister Eckhart bewirkt?

Was hat Gandhi bewirkt?

Was hat Martin Luther King bewirkt?

Was hat Nelson Mandela bewirkt?

Jedenfalls das Bewusstsein von der Notwendigkeit einer Erneuerung.

Das ist in allen Menschen mehr/minder wach geblieben.

Was und wie viel will die Natur wirklich?

Ich halte daran fest, dass jedes Ich, dass in diese Welt gekommen ist, den Auftrag zur Erneuerung in sich trägt.

Mir geht es jedenfalls bei dieser Vorstellung schon viel besser. Dann war doch nicht alles umsonst.

Und langfristig gesehen: Entwicklung ist in allem wirksam. Daran sind wir alle beteiligt und sicher aufgehoben.

Was ist das Über-Ich? Ein Impuls (ein Gefühl!).